Baden-Badener Roulette


Ein maskierter Räuber versetzt Baden-Badens reiche Witwen in Angst und Schrecken. Als sein letztes Opfer einen qualvollen Tod stirbt, nimmt die Kripo unter Maximilian Gottlieb die Ermittlungen auf.

Während er den Enkel der Toten verdächtigt, geht die Reporterin Lea Weidenbach anderen Spuren nach. Eine davon führt zum einst legendären Goldtisch der Spielbank Baden-Baden, eine andere zu russischen Investoren. Leas eigenwillige Ermittlungen kommen Kriminalhauptkommissar Gottlieb gewaltig in die Quere.

Da geschieht ein zweiter Mord ... 



Buchtrailer

 



Leseprobe

Im Herbst des Vorjahres

»Rien ne va plus!«

Monoton, fast gelangweilt übertönt die sanfte Stimme des Croupiers das hölzerne Kreiseln der Kugel, das Getuschel, das ferne Gläserklirren und das Sausen in seinem Kopf, das immer lauter wird.

Rot! Rot, Rot, Rot!

Das Ziehen zwischen seinen Schulterblättern wird unerträglich, vor seinen Augen verschwimmt der Kessel, obwohl er ihn doch hypnotisieren will.

Rot! Rouge, Rouge, Rouge!

Noch einmal fliegt sein Blick zur Anzeigetafel.

21 – 3 – 18 – 32 – 7.

Alle rot. Fünfmal hintereinander. Das ist gut, nein, perfekt. Es riecht danach, dass sich die Serie fortsetzt. Sein Einsatz hat sich bereits versechzehnfacht. Zweimal noch, dann ist es genug.

Immer noch jagt die weiße Kugel am Kesselrand entlang. Zu viel Schwung? Das kann und darf nicht sein. Diesen Croupier hat er seit Tagen beobachtet. Er wirft die Kugel gleichmäßig wie ein Uhrwerk. Eigentlich hätte er sogar auf Große Serie setzen können, aber er will auf Nummer sicher gehen. Er braucht das Geld, sonst sitzt er auf der Straße. Überziehungskredit überzogen, Schulden, Mietrückstand, und heute Morgen im Briefkasten der amtliche Umschlag: Zwangsräumung, endgültig. Morgen. Wenn kein Wunder geschieht.

Hier könnte es geschehen, das Wunder. Rot muss kommen! MUSS!

Klackernd fängt die Kugel an zu tanzen und zu springen.

Er kann nicht mehr hinsehen. Um Gottes willen, was tut er da! Alles liegt auf diesem einen Feld. Hatte er sich nicht tausendmal geschworen, dass er diesen Fehler nie wieder begeht? Bei Schwarz wäre alles verloren.

Schweiß tropft ihm in den Hemdkragen, rinnt ihm in die Augen. Seine Hände zittern, als er sie in Zeitlupe vors Gesicht schlägt. Nicht hinsehen!

Das Klackern wird langsamer. Klackklackklack, klackklack, klack ...

Gleich wird es entschieden sein.

Er will die Ansage des Croupiers nicht hören. Weg hier, nur weg.

Sein Stuhl kippt nach hinten, so hastig steht er auf. Der Pulk Gaffer hinter ihm lässt ihn durch, raunt verwirrt. Sein Blick hebt sich zum gleißenden Licht des Kronleuchters, zum ersten Mal seit Stunden fühlt er bewusst den unterdrückten Hunger, Durst und quälenden Druck auf der Blase.

Rot! Rouge, Rouge, Rot!

Er kann nichts anderes mehr denken.

Mit einem letzten Klick und leisem Schnarren fällt die Kugel an ihren Platz.

Er hält sich die Ohren zu, legt die Hände dann wieder vors Gesicht, nur um die Anzeigetafel sogleich zwischen den gespreizten Fingern anzuvisieren.

Noch flackert die letzte Zahl, 7, rot.

Gleich muss die neue Zahl aufleuchten.

Sein Herz rast. Er wendet sich zum Tisch, wo der Croupier mit ungerührter Miene bereits die Auszahlungen abwickelt. Die Gaffer haben ihm wieder den Rücken zugewandt, ein paar schütteln den Kopf.

Langsam dreht sich sein Kopf zur Tafel, zur Leuchtschrift, zum Unentrinnbaren.

31.

Schwarz.

Alles aus.

Stille dröhnt in seinem Kopf. Der blaue Saal dreht sich, ihm werden die Knie weich.

Nicht auffallen. So tun, als sei nichts passiert. Lächeln. Die Schultern heben und die Handflächen nach oben drehen. Pech gehabt. Morgen ist ein neuer Tag, kommt ein neues Spiel.

Nur nicht zeigen, dass es kein Morgen, kein neues Spiel mehr geben kann.

Mit bebenden Fingern zerrt er die Krawatte auf, die seine Kehle wie ein Henkersstrick zuschnürt. Der oberste Hemdknopf springt ab.

Der Saalchef hebt die Augenbrauen und tauscht einen kurzen Blick mit dem Croupier. Beide nicken fast unmerklich, dann kommt der Saalchef langsam auf ihn zu. Gleich wird er ihm höflich ein Taxi anbieten, etwas von »Pause einlegen«, »eine Weile fernbleiben« vorschlagen.

Das hat er erst letzte Woche drüben in Baden-Baden gehört. Deshalb hat er doch den Ort gewechselt, hat sein Glück im elsässischen Niederbronn versucht.

Mit einer Handbewegung bringt er den Saalchef zum Innehalten, stürzt an ihm vorbei, durch die Lobby, hinaus ins Freie, wo der Herbstwind sein durchgeschwitztes Hemd wie ein Leichentuch an seinen Körper klatscht. Vier Straßen weiter, unter alten Kastanienbäumen, die bereits ihr Laub verlieren, wartet sein altersschwacher Peugeot. Das Benzin reicht wahrscheinlich nicht mehr nach Hause.

Nach Hause? Er hat kein Zuhause mehr, und das ist alles seine eigene Schuld.

Verdammt, nur kein Selbstmitleid jetzt. Der Verlust war doch gar nicht hoch. Streng genommen hat er nur den ersten Einsatz verloren, die zwanzig Euro, die er vorhin im kleinen Park vor den Eingangsstufen für seine Armbanduhr bekommen hat. Den ganzen Haufen Plastikjetons auf Rot hat eigentlich die Bank im Laufe des Spiels beigesteuert. Das ist gar nicht sein Geld gewesen. Es hätte seines sein können, ja, aber eingesetzt hat er nur die Uhr. Gar nicht so schlimm, abgesehen vom zerplatzten Traum vom Geld.

Trotzdem. Warum hat er nicht früher aufgehört? Warum hat er denselben Fehler gemacht wie gestern und vorgestern und letzte Woche? Wie dumm kann ein Mensch sein?

Gierig tastet er seine Taschen nach einer Zigarette ab, vergebens. Regen setzt ein, rinnt ihm über das Gesicht, läuft in den nass geschwitzten Hemdkragen. Er rennt das letzte Stück, stolpert, kann sich gerade noch abfangen, lässt sich auf den Fahrersitz fallen und schlägt aufs Lenkrad, so lange, bis die Handfläche brennt. Es hilft nichts, die Wut bleibt.

Mechanisch löst er die Krawatte und wirft sie auf den Beifahrersitz, öffnet die oberen Hemdknöpfe und tastet nach seinem Glücksbringer. Die Goldkette, an der dieser früher hing, ist längst einem billigen silberfarbenen Ersatz gewichen, aber der Anhänger, den er vor Jahren einem abgebrannten Berufskollegen abgeluchst hat und von seinem Bruder hat umarbeiten lassen, der ist noch da. Obwohl er kein Glück bringt. Jedenfalls nicht immer. Aber man kann nie wissen. Vielleicht wendet sich das Blatt schon morgen.

Einen Augenblick überlässt er sich dieser Aussicht, dann kehrt die Realität mit dem klatschenden Regen, dem leeren Tank, dem bohrenden Hunger und dem trockenen Mund zurück, der sich wie Schmirgelpapier anfühlt. Seine Zunge klebt vor Durst am Gaumen.

Er weigert sich auszurechnen, wie lange er die Miete hätte bezahlen können, wenn er nur aufgehört hätte. Er hätte einfach den Stapel nehmen und zur Kasse gehen müssen. Fünfmal Rot hintereinander – das wäre eigentlich genug gewesen. Es hätte so einfach sein können.

Hätte.

Selbstvorwürfe helfen nicht. Es muss weitergehen. Aber wie? Marcel anrufen? Dem schuldet er noch die letzte Beute. Der würde ihm die Hölle heißmachen oder gleich einen neuen Coup vorschlagen. Aber er will das nicht mehr. Er hat es satt, alte Frauen schreien zu hören. Ihr Gebettel und ihre aufgerissenen Augen verfolgen ihn schon in den Schlaf.
Dann lieber die Nacht am Straßenrand verbringen.

Oder auf ein Wunder hoffen.

Wie spät mag es sein? Die Uhr am Armaturenbrett funktioniert schon lange nicht mehr, das Radio ist kaputt. Es ist stockdunkel, als sei es nach Mitternacht. Aber das kann nicht sein. Als er seine Uhr verkauft hat, dämmerte es gerade.

Egal. Was bedeutet das schon. Es gibt nur ein Ziel: weg vom Ort seiner Niederlage.

Die Straßenlaternen blenden, dann, außerorts, schluckt der nasse Asphalt das trübe Licht seiner verschmutzten Scheinwerfer. Die Wischerblätter rucken und quietschen, die Scheiben beschlagen von innen. Ein Wegweiser huscht vorbei.

Ist er richtig abgebogen? Angestrengt starrt er durch die Schlieren auf der Windschutzscheibe und versucht, etwas Bekanntes zu erhaschen. Aber da ist nichts, nur ein einsames Waldstück, durch das er schon viel zu lange fährt. Wäre dies der gewohnte Rückweg, hätte längst die nächste Abzweigung auftauchen müssen.

Was würde mehr Sprit verbrauchen: umkehren oder aufs Geratewohl weiterfahren und auf eine Abkürzung hoffen?

Wie eine schwarze Wand drängen sich die Bäume links und rechts der Strecke. Die Sicht wird immer schlechter. Er nimmt den Fuß vom Gas. Ein Wildunfall wäre das Letzte, was er jetzt gebrauchen könnte. Linkerhand taucht ein großes, hell erleuchtetes Einsiedler-Gehöft auf.

Achtung! Da vorn, am rechten Straßenrand! Da ist etwas. Es bewegt sich, zappelt. Ein Kitz? Nein, ein Hund. Und auf der anderen Straßenseite ... um Gottes willen! Bremsen, bremsen!

Schlitternd kommt der Wagen zum Stehen. Das war knapp.

Warum kniet die Frau dort am geöffneten Gartentor und streckt die Arme aus? Warum läuft sie nicht hinüber? Das ist offensichtlich ihr Hund, der sich im Straßengraben quält. Er scheint schwer verletzt zu sein. Wahrscheinlich hat ihn ein Autofahrer erfasst und ist geflüchtet.

Wenn das die Besitzerin ist, warum hilft sie dem Tier dann nicht?

Er kurbelt das Fenster herunter, und der Regen durchweicht ihm wie eine Schwalldusche die linke Anzugseite.

»Bennie, Bennie«, hört er die Frau schreien. Sie windet sich wie unter Qualen, scheint aber äußerlich unverletzt zu sein.

»Benniiiie!«

Was ist los mit ihr? Kann sie nicht laufen? Hat sie innere Verletzungen?

Ohne sich um den Regen zu kümmern, springt er aus dem Auto und rennt zu ihr.

Sie sieht ihm entgegen wie ein Reh in der Falle. Als er sie erreicht, schnellt sie hoch und umklammert ihn mit erstaunlich kräftigem Griff.

»Ich kann nicht! Ich kann da nicht hin. Helfen Sie ihm. Holen Sie ihn mir. Mein armer Bennie!«

Sie zittert, ist vollkommen durchnässt. Vermutlich steht sie unter Schock. Warum kann sie die paar Schritte nicht selbst laufen?

Doch für Fragen ist keine Zeit. Das Jaulen da drüben bringt einen ja um den Verstand. Es erinnert ihn an den Tag kurz nach Mutters Tod, als Marcel und er ihren kleinen Nicki ins Tierheim bringen mussten, weil die Großmutter Hunde angeblich nicht leiden konnte.

Bennie ist ein wuscheliger Mischling, dem jetzt das Fell an den Rippen klebt. Immer wieder versucht er, auf die Vorderfüße zu kommen, während seine Hinterläufe merkwürdig verdreht reglos auf dem nassen Gras liegen. Winselnd blickt er hoch. Zu schwach, um Abwehr oder Freude zu zeigen, lässt er sich hochnehmen, streicheln, über die Straße tragen und wieder absetzen.

»Bennie!«

»Ich fürchte, sein Rückgrat ist gebrochen«, hört er sich mit heiserer Stimme sagen.

Die Schreie der Frau werden lauter, je weiter sich das Leben aus dem zuckenden, blutenden Hundekörper zurückzieht. Sie legt sich neben das Tier in den Schlamm, vergräbt ihr Gesicht im nassen Fell, aus den Schreien wird ein Wimmern. Dann herrscht Stille.

Schweinwerferlicht nähert sich und streift das Hofensemble, das viel imposanter ist, als er zunächst vermutet hatte. Es besteht aus einem großen alten Fachwerkgebäude, das linkerhand der offenen Hoffläche steht, einem Garagentrakt rechts und einer riesigen Scheune an der Stirnseite, die, von den großen hellen Schaufenstern zu schließen, als Verkaufsraum benutzt wird. Neben dem Zaun sind Keramiken auf einem langen Brett aufgereiht, so wie in der Gegend sonst Obst und Kartoffeln am Straßenrand angeboten werden. »Sophies Keramikstudio« steht auf einem großen Schild.

Das Kreischen von Bremsen reißt ihn aus den Betrachtungen. Hupend überholt der heranpreschende Wagen sein gefährlich ungesichert abgestelltes Fahrzeug.

»Tut mit leid«, sagt er leise »Ich muss dann wieder. Das Auto ...«

Die Frau umarmt weiter ihren Hund und sieht ihn an, als verstünde sie ihn nicht. Sie ist ungefähr in seinem Alter, trägt Jeans und ein zu großes kariertes Hemd, das klatschnass an ihrem kräftigen Körper klebt. Die langen dunklen Haare hat sie zu einem dicken Zopf im Rücken geflochten, und die Traurigkeit in ihren Augen scheint sich bis in seine Seele zu bohren.

»Bitte helfen Sie mir«, fleht sie. »Helfen Sie mir, Bennie zu begraben. Lassen Sie mich nicht allein, nicht jetzt. Das ertrage ich nicht. Bleiben Sie bei mir, bitte!«

Sein Blick wandert von der schweren Goldkette an ihrem Hals über das gepflegte Grundstück, von den Töpferwaren in den erleuchteten Schaufenstern bis hin zum ordentlich aufgeschichteten Stapel Brennholz neben der herrschaftlichen Eingangstreppe und zu den Kübeln mit sorgfältig gestutzten Buchskugeln. Blätter wirbeln vom riesigen Walnussbaum in der unbefestigten Hofmitte, eine Windbö peitscht ihm den Regen waagerecht ins Gesicht.

»Leben Sie allein?«

Sie nickt ohne Argwohn. »Normalerweise macht mir die Einsamkeit nichts aus, im Gegenteil, sie hilft mir. Aber heute ...« Ihre Stimme bricht ab, als sei alles gesagt.

Hier ist es also, das Wunder, das er sich erhofft hat. Warum zögert er noch?



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